Die Veränderung limitierender
Glaubenssätze auf der Rose der Erkenntnis

Lektion 4: Demo - Intervention mit einer HIV-positiven Frau

Es folgt das Protokoll einer Arbeit auf der Rose der Erkenntnis mit der HIV-infizierten Mutter einer dreijährigen Tochter. Eine Sozialarbeiterin, Absolventin unserer Practitioner-Ausbildung, wusste nicht mehr weiter und bat Petra, mit der jungen Frau zu arbeiten. Trotz einer guten medizinischen Prognose hatte sie den Glauben an ihre Zukunft aufgegeben; sie nahm ihre überlebenswichtigen Medikamente nur unregelmäßig, vernachlässigte ihre Wohnung und ihr Kind und ließ Anträge auf finanzielle Unterstützung schleifen. Als Petra ihr die Rose der Erkenntnis erläutert und sie durch das Labyrinth läuft, sagt sie:

Conny: Genau so verschlungen ist mein Leben.
Petra: Wollen wir die Rose betreten und erfahren, was mit dir los ist?
Conny: Ja, das will ich.
Petra: Dann gehe auf das Blatt „Umgebung“ und beschreib mir, wo du dich normalerweise aufhältst. Auf „Umgebung“.
Conny: Ich sitze in meiner Küche am Tisch.
Petra: Was siehst du, wenn du dich umschaust?
Conny: Geschirr, sauberes und dreckiges, Essen, Essensreste, einen Herd mit Töpfen drauf, einen tropfenden Wasserhahn. Wenn ich aus dem Fenster sehe, blicke ich auf die Balkone der Nachbarwohnungen.
Petra: Komm in die Mitte der Rose auf das Blatt „Glaubenssätze“ und sage mir, was du über diese Umgebung denkst. Geht auf Glaubenssätze.
Conny: Es ist alles chaotisch, unaufgeräumt, ungemütlich. So wie mein Leben.
Petra: Schüttele dich einmal aus. Gehe jetzt auf das Blatt „Handeln“. Stelle dich drauf und sage mir, was du tust. Geht auf „Handeln“.
Conny: Ich tue gar nichts. Ich sitze da und denke nach. Ab und zu rauche ich eine Zigarette und guck auf die Formulare vom Amt. Dann lege ich sie weg, in die Schublade. Petra lenkt Conny in die Mitte, auf Glaubenssätze.
Petra: Was denkst du darüber?
Conny: Das dreht sich immer in meinem Kopf, was ich dazu denke: Das kannst du so nicht machen. Du musst was tun. Streng dich an, los. Räum wenigstens auf.
Petra: Wie fühlt sich das an?
Conny: Nicht gut. Conny weint.
Petra: Kannst du trotz der Tränen weiter arbeiten, damit wir den Grund kennen lernen?
Conny: Ja. Petra lenkt Conny auf Fähigkeiten / Fertigkeiten.
Petra: Sag mir von diesem Platz aus, wie du das tust, was du tust.
Conny: Ich bin ganz langsam. Die ganze Zeit rede ich mit mir selbst. Ich sage mir, dass ich jetzt das Formular ausfüllen muss. Doch dann lege ich es wieder in die Schublade und rauche ruhig und genüsslich. Ich kann nicht anders handeln, ich habe keine Kraft. Auf Glaubenssätze.
Petra: Was denkst du darüber?
Conny: Wenn ich rauche, kann ich genießen. Wenn ich das Formular ausfüllen soll, stören mich die Gedanken. Ich kann das nicht. Auf „Werte“.
Petra: Was bewegt dich, zu tun, was du tust?
Conny: Ich will mich damit nicht beschäftigen. Ich will meine Ruhe haben, mich einfach fallen lassen. In die Mitte, auf „Glaubenssätze“
Petra: Was denkst du darüber?
Conny: Ich bin so einsam. Ich bin abhängig. Ich werde nie meine Ruhe haben können. Petra lenkt Conny jetzt auf Facetten der Identität.
Petra: Was bist du für ein Mensch?
Conny: Ich bin ein HIV-infiziertes Neutrum, das sowieso bald sterben muss. Conny weint heftig. Verlässt die Rose der Erkenntnis fluchtartig. Petra beruhigt sie ein wenig. Dann geht Conny zurück auf Facetten der Identität.
Das ist es!
Ich denke, das ist die Wahrheit. Das denke ich über mich.
Petra: Bist du bereit, noch auf das Blatt „Spiritualität“ zu gehen und mir dort eine Frage zu beantworten? Geht auf Spiritualität.
Gibt es noch etwas Höheres, das über diese Facette deiner Identität, wie du sie eben formuliert hast, hinausgeht?
Conny: Der Tod wird mich befreien. Dann komme ich zur Ruhe. Wer weiß, was dann kommt. Petra lenkt auf Facetten der Identität.
Petra: Du bist HIV-infiziert, okay. Und bist du auch eine junge Frau?
Conny: Ja, aber ohne Mann. Auf Glaubenssätze.
Petra: Was bedeutet das?
Conny: Ich habe HIV, ich bekomme keinen Mann mehr, also bin ich ein Neutrum.
Petra: Also, keine Frau?
Conny: Nicht richtig.
Petra: Und du hast eine kleine Tochter.
Conny: Ach ja, Mutter bin ich auch noch. Petra lenkt Conny auf die Glaubenssätze:
Petra: Was bedeutet das?
Conny: Ich darf mein Kind nicht an mich binden, sonst ist es traurig und muss leiden, wenn ich sterbe. Es folgt ein Reframing
Petra: Dann lässt du es lieber jetzt schon leiden, damit es sich daran gewöhnt.
Conny: Wieso? Ach, du meinst, die Kleine leidet, wenn ich mich nicht um sie kümmere.
Petra: Und weil du dich nicht um dich und nicht um euch beide kümmerst?
Conny: Ja, ich glaube, das ist so. Petra lenkt auf „Facetten der Identität“ und kreiert einen als-ob-Rahmen:
Petra: Was für eine Mutter wärst du ohne HIV?
Conny: Sehr liebevoll, wir hätten viel Spaß miteinander. Die Kleine lacht so gerne! Auf Spiritualität:
Petra: Was könntest du deinem Kind schenken, wenn du die Mutter wärst, die du gerade beschrieben hast?
Conny: Ich würde einen Menschen glücklich machen, meiner Tochter helfen, die Dinge anders zu machen als ihre Mama. Petra lenkt Conny auf die Glaubenssätze.
Petra: Würde es sich lohnen, wenn du dich dafür einsetzt?
Conny: Ja! Petra lenkt Conny auf Facetten der Identität:
Petra: Spür mal, wie es sich anfühlt, so einen kleinen Menschen durchs Leben zu begleiten.
Kleine Pause; dann: VAKOG+
Conny: Das fühlt sich gut an. Das ist gut.
Petra: Was denkst du dazu?
Conny: Ich sehe einen neuen Sinn, weiter zu leben!
Petra: Jetzt gehen wir durch alle Blätter der Rose, und du sagst, was du denkst: Conny steht bereits auf „Facetten der Identität“, daher Beginn hier.
Conny: Ich bin eine junge Mutter, die ihrem Kind ein glückliches Leben ermöglicht.
Petra: Jetzt gehe auf „Werte“.
Conny: Ich bin glücklich und fühle mich sicher und ruhig. Auf Fähigkeiten / Fertigkeiten.
Conny: Ich habe einen guten Überblick, ich weiß, was ich tun muss. Ich hole mir Hilfe, wenn ich sie brauche. Und ich lerne, gut mit meiner Zeit umzugehen. Auf Handeln.
Conny: Ich hole mir alle Informationen über meine Überlebenschancen und halte mich an die Anweisungen meines Arztes. Ich nehme meine Medikamente, und ich stelle die blöden Anträge. Auf Umgebung.
Conny Ich habe alles so eingerichtet, dass wir uns wohlfühlen.

Die Arbeit auf der Rose der Erkenntnis war der Start für eine Reihe von Interventionen. Connys Sozialarbeiterin führte diese dann selbständig am Wohnort durch. Conny lebt heute, sechs Jahre nach dieser Begegnung, glücklich mit ihrer Tochter und ihrem neuen Lebenspartner in einer norddeutschen Stadt. Ihre Sozialarbeiterin besucht uns regelmäßig zur Supervision und erstattet uns berührende Berichte: Dass Conny eine liebevolle Mutter ist, ihre Tochter ein glückliches Kind, dass ihr Arzt sehr optimistisch ist und seiner Patientin viel Mut zuspricht: Ihre Lebenserwartung entspreche fast der eines gesunden Menschen, wenn sie weiterhin ihre Therapien einhält und für ihre Psychohygiene sorgt.

 

» Lektion 1: Die logischen Ebenen der Veränderung nach Robert Dilts

» Lektion 2: Die Rose der Erkenntnis – Unser neues Konzept der logischen Ebenen

» Lektion 3: Demo – Intervention mit einer Klinikärztin

» Lektion 4: Demo – Intervention mit einer HIV-positiven Frau

» Lektion 5: Die Intervention in Kurzform

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